Um den Kranich ranken sich nicht nur in Japan viele Geschichten. Er versinnbildlicht Glück, Harmonie und ein langes Leben.
Für Budôka interessant aber ist die Geschichte, die den Kranich als stilprägend für das Karate bezeichnen. Patrick McCarthy, Übersetzer des Bubishi und Karate-Experte, behauptet in seiner Übersetzung, daß Fang Quiniang, Tochter eines Meisters des Faustkampfes der Mönche (eine frühe Form des Shaolin), eines Tages Kranichen beim Kampf zusah. Da sie gerade beim Schneiden von Bambusrohr war, versuchte sie, die Vögel mit einer langen Stange zu vertreiben.
Nicht nur, daß die Vögel untereinander mit größter Geschicklichkeit den gefährlichen Schnabelhieben auswichen, war es Fang auch nicht möglich, die Tiere zu treffen. Immer im Gleichgewicht, flatterten sie auf und nieder und gerieten niemals ernsthaft in Gefahr. Diese Erfahrung brachte Fang dazu, Eigenheiten dieser Kampfweise zu studieren. Sie kombinierte die Fausttechniken der Mönche mit den Ausweich- und Konterbeweguungen der Kraniche. Damit war sie nach drei Jahren nicht nur eine außergewöhnlich gute Kämpferin, ihr Stil wurde auch zu einem der bekanntesten in der Provinz Fujian.
Aus der Provinz Fujian aber kamen im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert zahlreiche Händler und Diplomaten nach Okinawa, die der heimischen Bevölkerung (den Adligen) das chinesische Boxen zeigten. Fraglos stellt der Kampfstil des weißen Kranichs eine der Wurzeln des alten Karate dar. Teilweise gründet auch die Shotokan-Kata Gangaku (Kaku ist die sinojapanische Lesung für Kranich) auf diesem Stil. Aber wirklich nur teilweise