Die Karateabteilung des USC München ist ja nicht gerade bekannt als ein Hort engstirniger Verbandsideologen. Deshalb haben sich am letzten Wochenende im Oktober einige Mitglieder der oben genannten Sportgruppe auf den Weg in das (doch recht nahe) Penzberg gemacht, um quasi mal der 'Konkurrenz' über die Schulter zu schauen. Dort hatte der DTKV (Deutscher Traditioneller Karate Verband; ein Link zu deren Homepage findet sich bei uns im Forum) einen Lehrgang mit Dario Marchini ausgeschrieben, einem anerkanntermaßen extrem erfolgreichen Wettkämpfer auf dem Gebiet Kata. Ebenfalls mit dabei war seine Frau Christina Restelli, die auch eine sehr erfolgreiche Laufbahn hinter sich hat.
Gekommen waren etwa 80 Karateka in die oberbayerische Provinz, darunter auch Manfred Schmoigl, der Bundesvorsitzende des DTKV. Dieser war aber mit dem Besuch eher unzufrieden, vor allem mit der unterdurchschnittlichen Teilnehmerzahl aus dem gastgebenden Dojo. Dies wird verständlich, wenn man an die Kosten denkt, die durch den Import zwei hoch dekorierter Karatetrainer entstehen. Da ist trotz relativ teurer 40 DM Lehrgangsgebühr ein finanzielles Verlustgeschäft vorprogrammiert.
Erhellend war dieser Lehrgang durch einige Aspekte, die man im Kopf behalten sollte. Es scheint beim DTKV zum normalen Trainingsprogramm zu gehören, eine Kata auch in ihrer Uraform zu laufen. Macht ja auch Sinn, will man einen optimalen Trainingseffekt für beide Körperseiten erreichen.
Sehenswert war des weiteren die Form, in der Dario Marchini das Bunkai einer Kata auslegte. Nach der Kata an sich wurden alle sich wiederholenden Techniken weggelassen und nur jede Technik einmal gelaufen. Anschließend zerlegte er diese Technikabfolge in einzelne kurze Sequenzen, die nun mit Partner in ein Kumite umgesetzt wurden. Hierbei waren Angriff und Abwehr weitgehend vorgegeben. Dario Marchini zeigte dieses Prinzip an den Kata Heian Shodan, Nidan und Jondan, sowie an Bassai Dai. Hierbei demonstrierte er eine Reihe durchaus interessanter Anwendungen, die mir so nicht bekannt waren. Augenfällig war hier vor allem der hohe Anteil an Wurftechniken.
Eine Bemerkung zu diesem Bunkaitraining sei mir allerdings noch erlaubt: Die Demonstration des Partnertrainings war viel zu schnell und viel zu viel auf einmal, so das selbst fortgeschrittene Karateka mitunter Schwierigkeiten bei der Umsetzung hatten. Und bei den Wurftechniken lag der eklatante Mangel der meisten Karateka an Fallschule offen zu Tage.
Leider warfen auch einige Dinge ihren Schatten auf den Lehrgang. Von seiner technischen Ausrichtung war mir Dario Marchini zu einseitig hart ausgerichtet und zu kraftorientiert. Dadurch fehlte mir etwas der Ausgleich in weicheren und lockeren Bewegungen. Aber das paßte zu der von Marchini vertretenen Auffassung, daß Shotokankarate den Höhepunkt der Karateentwicklung darstelle. Dies wurde auch ausgesprochen in der Bemerkung daß die Kata Bassai Dai als die Summe aller älteren Varianten der Passai wie Chibana-no-Passai, Matsumura-no-Passai oder Oyadomari-no-Passai zu betrachten sei.
Ebenso deutlich in diese Richtung zielte die Bemerkung von Herrn Marchini, daß Yoshitake Funakoshi (der Sohn von Gishin Funakoshi) das Karate völlig umgekrempelt habe, indem er große und harte Techniken einführte und somit endlich die Möglichkeit für einen kleinen Kämpfer einen großen Gegner zu besiegen geschaffen habe. Das mag ja die persönliche Ansicht von Herrn Marchini sein, aber wenn man sich in anderen Stilrichtungen umsieht, relativiert sich dies doch erheblich, so daß ich eher den Satz von Herrn Habersetzer unterschreiben möchte 'Es gibt keinen guten oder schlechten Stil. Der Stil ist der richtige, der es einem möglich macht, seine Fähigkeiten umzusetzen.'
Besonders sauer ist mir aber etwas anderes aufgestoßen. Disziplin ist in der Tat durchaus wichtig, aber wenn Herr Marchini meint, diese Disziplin dadurch zu erreichen, daß er Teilnehmer vor allen anderen bloßstellt, wenn sie beim Gruß die Hand nicht korrekt an der Hosennaht haben oder sich nach dem 'Yame' seiner Meinung nach zu früh bewegten, schießt er meiner Meinung nach über das Ziel hinaus. Schließlich sind wir ja nicht auf dem Kasernenhof. Übrigens war für einen Lehrgang eines Verbandes, der das Wort 'Traditionell' schon im Namen führt, der Teilnehmerschwund am Sonntag doch enorm.
Übrigens: Von Christina Restelli war während des Lehrganges nicht viel zu sehen, außer einem Aufwärmtraining, das stark überarbeitungsbedürftig ist, da viele der Übungen aus der Mottenkiste der Orthopäden stammten.
(hr)