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Werner Lind – Wer Ohren hat zu hören…

Für den 13. und 14. März 1999 hatte der BKB nach Ingolstadt eingeladen. Unter der hervorragenden Organisation des MTV fand ein Breitensportseminar zum „traditionellen Karate-Dô“ mit einen der bekanntesten Protagonisten dieser Sichtweise in Deutschland, Werner Lind, stattfinden.

Unter den zahlreich angereisten Karateka waren mit Fritz Oblinger, dem Breitensportreferent Uwe Chszaniecki und Schulsportreferent Andreas Schölz auch hochrangige Vertreter des BKB anwesend.

Bei den Ausführungen von Herrn Lind mußte ich sehr bald an eine der bekanntesten Persönlichkeiten des Mittelalters denken, Bernhard von Clairvaux. Beide hielten überaus flammende „Erweckungspredigten“, mit denen den Zuhörern die Augen für die Wahrheit geöffnet werden sollten.

Und beide haben eine Organisation gegründet, mit deren diese Vorstellungen umgesetzt werden sollten. Bernhard von Clairvaux gründete den Zisterzienserorden, Werner Lind den Budostudiokreis (der Fairness halber). Doch damit enden auch schon die Parallelen zwischen dem großen Mystiker und Heiligen aus dem 11. Jahrhundert und dem Karatelehrer, denn Bernhard verstrickte sich, soweit ich weiß, bei weitem nicht in so offensichtliche Widersprüche, wie Werner Lind am 13.3. in Ingolstadt.

Herr Lind stellte den Übenden eine selbst entwickelte Kata vor, die – entgegen seiner fortwährenden Betonung der Wichtigkeit der der Qi Gong-Anteile in einer Kata – nur die im Shotokan üblichen bekannten Kampfkombinationen wie Kizami-Zuki enthielt. Der eigentliche Fauxpas jedoch war der Name der Kata: „Taikyoku Nidan“ – ohne das von Funakoshi beschriebene Original (nachzulesen bei Albrecht Pflüger „25 Shotokan-Katas“ und bei Roland Habersetzer „Shotokan Kata“) auch nur einmal zu erwähnen.

Das Bemerkenswerte war einerseits die Bemerkung, Itosu habe die Shotokan-Kata so weit verändert, daß ein sinnvolles Bunkai erst bei Betrachtung der Vorgängerversionen deutlich werde. Itosu hat tatsächlich die Pinan-Kata (auf denen ja die Heian-Kata basieren) speziell für den Unterricht an Schulen entwickelt. Herr Lind behauptete während dieser Ausführungen, solche Kata wären quasi „Kinderkarate“ und hätten somit keinerlei kämpferischen Wert. Aber andererseits bestand die zweite Trainingseinheit ausschließlich aus Bunkaiübungen zu Heian Nidan, nicht einmal zu Pinan Shodan.

>Aus Rücksicht auf die mittrainierenden niederen Kyu-Grade kann das kaum geschehen sein, sonst hätte Herrn Lind nicht ausschließlich Atemi-Techniken vorgeführt. Irgendwie inkonsequent in meinen Augen.

Und noch einen Kritikpunkt kann ich nicht hinter dem Berg halten: Während des ganzen Lehrganges betonte Herr Lind immer wieder die Bedeutung des Qi-Gong für ein gesundes und langes Leben. Allerdings muß ich ihm raten, wenn er sich über seine Gesundheit Sorgen macht, sollte Herr Lind schleunigst mit dem Rauchen aufhören, denn nikotingelbe Finger und ein veritabler Raucherhusten entlarven ihn nämlich als recht starken Raucher.

Sein Husten, so wurde mir von Leuten berichtet, die ihn schon öfter erlebt haben, sei so stark, das häufig gar nicht in der Lage wäre, eine komplette Trainingseinheit durchzuhalten. Und auch in Ingolstadt mußte er sich die ein oder andere ausgedehntere Pause gönnen. Ich gebe zu, dies hat nichts direkt mit Karate zu tun, aber wer in einem seiner Bücher (Werner Lind „Budo. Der geistige Weg der Kampfkunste“, S. 56ff) liest, erfährt dort das hehre Ziel, der Meister lehre den Weg durch seine Persönlichkeit und durch sein Vorbild. Daher muß er es sich auch gefallen lassen, nach seinen eigenen Maßstäben gemessen zu werden. Da in diesem Fall die Worte und das tatsächliche Verhalten ziemlich weit auseinander klaffen, trübte das doch schon sehr den Gesamteindruck.

Durch solche Dinge hatte in meinen Augen die Überzeugungskraft des Herrn Lind schwer gelitten. Aber es wurde auch deutlich, das auch im Budostudienkreis auch technisch nur mit Wasser gekocht wird, denn als sonderlich fokussiert und präzise ließen sich die Techniken nicht bezeichnen. Wer schon häufiger Bunkai geübt hat, der durfte auch miterleben, daß seine Vorführungen nicht immer so sinnvoll waren, wie man es von einem Kenner der „traditionellen“ Kampfkunst erwarten durfte. Eine derartige Undurchdachtheit sollte einem solch hochgraduiertem Mann eigentlich nicht passieren.

Ich persönlich habe den Lehrgang genutzt, um mir einmal ein Bild von Herrn Lind und seiner Art, Karate zu betreiben zu machen. Ansonsten kennt man ihn ja nur von seinen Büchern. Aber wer mit den hohen Erwartungen, die in den Büchern geweckt werden, angereist war, wurde doch herb enttäuscht. Jedenfalls weiß ich jetzt auch seine Bücher besser einzuschätzen.

(hr)